Potenziale, Konflikte und mögliche Adaptionen urbaner Miniwälder
Was sind urbane Miniwälder und warum setzen wir uns aktuell verstärkt mit ihnen auseinander?
Urbane Miniwälder unterscheiden sich deutlich von den üblichen Baum- und Gehölzpflanzungen in der Stadt, weisen jedoch ebenfalls ökologische und funktionale Vorteile auf. Sie können im Kontext urbaner Klimaanpassungsmaßnahmen bei entsprechender Planung, Vorbereitung und Umsetzung eine durchaus hilfreiche ergänzende Alternative zu den klassischen Begrünungsformen sein. Der immer schneller voranschreitende Klimawandel verlangt ebenso nach schnell wirksamen Gegenmaßnahmen und unkonventionellen Methoden; urbane Miniwälder könnten eine davon sein.
Gemeinsam mit unterschiedlichen Projektpartnern können Fachexpertise und Erfahrungen sowie Motivation und Engagement gleichermaßen gebündelt in ein für alle zufriedenstellendes Ergebnis einfließen: So könnten die Grünflächen- und Gartenämter der Städte gemeinsam mit Hochschulen und gärtnerischen Versuchsanstalten, fachbezogenen Vereinen und Initiativen sowie nicht zuletzt Anwohner- und Bürgerinitiativen als wichtige Partner deutlich mehr erreichen, als es die Ämter sonst alleine schaffen könnten. Besonders wertvoll könnte dabei die aktive Beteiligung von Schulkindern sein. Durch diese direkte Erfahrung entwickeln sie nicht nur ein Gespür für Natur und Nachhaltigkeit, sondern lernen auch, Verantwortung für ihr eigenes grünes Umfeld zu übernehmen. So wachsen nicht nur Bäume, sondern auch eine Generation heran, die den Wert urbaner Natur bewusst schätzt und schützt.
| So komplex wie das Thema ist, so vielgestaltig sind auch die Begrifflichkeiten, die oft Ähnliches meinen, im Detail jedoch teilweise Unterschiede aufweisen und z.T. auch geschützt sind: |
| • Tiny-Forest: urbaner Miniwald/Miniature-Forest, der nach der Myiawaki-Methode angelegt und von der niederländischen Naturinformation-Organisation „IVN Natuureducatie“ als Wortmarke und „Registered Trade Mark“ geschützt wurde und bestimmte physiognomische und soziale Eigenschaften aufweisen muss (siehe Aufzählung dieser Eigenschaften) |
| • Miyawaki-Methode: spezielle Art des urbanen Miniwalds/Miniature-Forests; den ersten sog. Tiny-Forest legte Akira Miyawaki 1972 auf Grundlage der potenziell natürlichen Vegetation für ein japanisches Stahlunternehmen an |
| • Heimatwälder: eine der Naturschutz-Konzeptionen Miyawakis, die 1966 veröffentlicht wurde und auf Pflanzensoziologie sowie der Landschaftspflege auf Grundlage der natürlichen Vegetation beruht; diese entwickelte er in den folgenden Jahrzehnten zum Konzept des Tiny-Forest gemäß der nach ihm benannten Methode weiter |
| • Potenziell natürliche Vegetation (pnV): hypothetischer Zustand und Ausprägung von Vegetationsgesellschaften, die entstehen würden, wenn der Mensch seine gesamte Einflussnahme beenden würde (von Prof. Dr. Reinhold Tüxen entwickelte Theorie) |
| • Auswahl weiterer genutzter Begriffe: Miniature-Forest, Miniaturwald, Small-Forest, Mikrowald, Nanowald, Urban-Forest, urbaner Miniwald, Taschenwald |
Hintergrund und Entstehung:
Tiny-Forests (geschützter Begriff) basieren auf der Heimatwälder-Idee des japanischen Ökologen, Botanikers, Vegetationskundlers und Hochschullehrers Akira Miyawaki (1928-2021), weshalb auch der Begriff Miyawaki-Wälder oder Miyawaki-Methode in diesem Zusammenhang immer wieder verwendet wird. Miyawaki war zweitweise wissenschaftlicher Mitarbeiter des deutschen Pflanzensoziologen Prof. Dr. Reinhold Tüxen, der neben Prof. Dr. Heinz Ellenberg u.a. Schüler des Schweizer Botanikers Dr. Josias Braun-Blanquet war, und hat die Methoden der Braun-Blanquet-Tüxen-Schule in Japan eingeführt und populär gemacht.
Miyawakis Wirken war nicht nur auf ökologische Aspekte gerichtet, sondern auch auf soziologische und philosophische. Ein wichtiger Grundsatz seiner Arbeit war, dass sich seine Veröffentlichungen sowohl an qualifiziertes Fachpersonal als auch an Laien richten sollen. Ein breites und öffentliches Verständnis führt, so Miyawaki, zu einer Begeisterung an Natur und Umwelt. Um das menschliche Leben ganzheitlich zu erleben, sei es unabdingbar, die Natur zu entdecken und zu verstehen. Des Weiteren sei es für das Überleben der Menschheit notwendig, die Natur nachhaltig zu nutzen. Großen Einfluss auf das Bekanntwerden und die Verbreitung der Miyawaki-Methode auf der ganzen Welt in der jüngeren Vergangenheit hatte Shubhendu Sharma, ein ehemaliger indischer Fahrzeugingenieur und späterer Student Miyawakis. Sharma wurde in Zuge einer Pflanzung Miyawakis 2010 bei seinem damaligen Arbeitsgeber, einen Automobilhersteller, auf den Ökologen und sein Wirken aufmerksam. In den folgenden Jahren kündigte Sharma seinen Job und gründete das forprofit social Enterprise „Afforest“ (vgl. Website Afforest). Ziel dieser Organisation ist es, auf Grundlage der Miyawaki-Methode weltweit, vor allem aber in seinem Herkunftsland Indien, Tiny-Forests zu erschaffen. Seine Arbeit beruht fundamental auf der von Miyawaki. Sharma sorgte u.a. durch seinen „How to grow a forest in your backyard | Shubhendu Sharma“ (vgl. TED) dafür, dass das Konzept weltweit bekannt wurde.
Die Miyawaki-Methode sieht vor auf einer kleinen, begrenzten Fläche (100 bis 2.000 m²) 30-mal so viele Setzlinge pro Flächeneinheit (3 bis 7 Pflanzen je m²) aus mindestens 25 heimischen Arten bestehend zu pflanzen, als dies üblicherweise im forstlichen Kontext anerkannte und regelhafte Praxis ist. Ziel ist, dass sich mit diesen Gehölzen ein höhengestaffelter Aufbau mit in der Regel 4 Stockwerken wie in einem „echten“ Wald entwickelt (Krautschicht, Strauchschicht, untere und obere Baumschicht, denen die Gehölzarten entsprechend ihrer Wuchsstärke und ihres Habitus zugeordnet werden). Durch den engen Pflanzenverband und den damit erzeugten Konkurrenzdruck sowie bodenverbessernder Maßnahmen zur Pflanzung soll es in der Theorie zu einem bis zu zehnmal schnelleren Pflanzenwachstum als bei üblichen Forstpflanzungen kommen (Höhenzuwachs bis zu 1 m pro Jahr). Schon nach ca. 2 bis 3 Jahren soll ein autarkes, natürliches Waldökosystem entstehen, das sich durch einen entstandenen Stoffkreislauf selbst ernährt und die lokale Artenvielfalt unterstützt, und bereits nach 10 Jahren soll sich eine Klimax-Waldgesellschaft, ähnlich einem 100-jährigen Wald, entwickelt haben. Es soll zu einer besseren Geräusch- und Staubreduzierung und einer bis zu 30-fach besseren Kohlendioxidabsorption im Vergleich zu traditionell aufgeforsteten Flächen bzw. Monokulturplantagen kommen.
TED-Talks (Abkürzung für Technology, Entertainment, Design) sind einflussreiche Videos von Experten zu den Themen Bildung, Wirtschaft, Wissenschaft, Technologie und Kreativität mit Untertiteln.
Sie sind vor allem bekannt durch die TED-Talks-Website, auf der die besten Vorträge als Videos kostenlos ins Netz gestellt werden. Viele dieser Videos werden seit 2009 in verschiedenen Sprachen untertitelt, auch Deutsch.
siehe auch hier: https://de.wikipedia.org/wiki/TED (Konferenz)
Da Tiny-Forrests über klimatische und ökologische (Habitatfunktion) Leistungen hinaus auch sozialen Belangen, wie der Erholung sowie der Stärkung und Wiederentdeckung der Naturverbundenheit dienen sollen, werden in der Regel Patenschaften mit Schulen, Vereinen, Initiativen oder Privatpersonen angestrebt.
Physiognomische und soziale Eigenschaften eines Tiny-Forests:
Um einen Urbanen Miniwald (Miniature-Forest) als Tiny-Forest zu deklarieren, muss die Erlaubnis der IVN Natuureducatie eingeholt werden. Auf dessen Webseite zur Verfügung gestellten Checkliste werden die Kriterien für die Einstufung eines Waldstückes als Tiny-Forest benannt. Dies sind sowohl physiognomische als auch soziale Eigenschaften:
Physiognomische Eigenschaften („Physical characteristics“)
- auf Grundlage von Feld- und Literaturrecherche bezüglich der am weitesten verbreitenden heimischen Arten in der jeweiligen Region („most common native species in my region“)
- nur heimische Gehölze
- Bodenvorbereitung nach der Tiny-Forest Pflanzmethode („Tiny Forest planting method“)
- mindestens 25 Baum-Arten („25 tree species“)
- Pflanzdichte von 3-5 pro qm²
- ausreichend Platz, damit die Bäume ungestört für mindestens 10 Jahre wachsen können
- Totes Material (Blätter, Äste, Bäume) muss liegen gelassen werden
- an jeder Stelle min. 4m breit und ohne Unterbrechungen (z.B. Wege)
- min. 15cm dicke Mulchschicht (z.B. aus Stroh)
- für min. 2 Jahre eingezäunt, um das Wachstum der Jungpflanzen zu gewährleisten
Soziale Eigenschaften („Social characteristics“)
- Freiluft-Klassenzimmer („outdoor classroom“) mit Sitzplätzen für min. 30 Kinder
- Zusammenarbeit mit einem lokalen freiwilligen Partner
- Gepflanzt von Anwohner*innen und Schulkindern
- Muss von einer lokalen Schule oder anderen Kinderbetreuungseinrichtung adoptiert werden
- Muss von der lokalen Schule oder Kinderbetreuungseinrichtung min. 1-mal im Monat genutzt werden
- Muss als Ort des Zusammenkommens für die Nachbarschaft nutzbar sein
- Muss einen Event-Kalender mit Aktivitäten für die Nachbarschaft und die Schule vorweisen
(Vgl. IVN 2019, S.23; übersetzt)
Diese aufgeführten Kriterien zur Ausprägung entsprechen der Konzeption von Tiny-Forests nach Akira Miyawaki fast vollständig. Aufgrund ihrer großen Ähnlichkeit wird von einer weiteren Erklärung der Spezifika der Miyawaki-Methode abgesehen.
Wenn für eine geplante Bepflanzungsmaßnahme im beengten und stark genutzten urbanen Raum nicht alle Anforderungen/Kriterien der Tiny-Forest-Theorie zum Tragen kommen und erfüllt werden können, wird eine begriffliche Abgrenzung benötigt. Im innerstädtischen, stark überhitzten Bereich wird z.B. zum Teil von der eigentlich angedachten strikten Verwendung einheimischer Arten, zu Gunsten klimaangepasster Gehölze (sog. Zukunftsbäume oder Klimabäume), abgewichen.
Dafür könnten die genannten nicht geschützten Begriffe in Englisch oder entsprechende deutsche Übersetzungen genutzt werden. Je nach Anlage und Gestaltung der Gehölzfläche sollte dies allerdings ein allgemeinverständlicher Begriff sein, der sich eindeutig von der geschützten Wortmarke „Tiny-Forest“ abgrenzt und den Kern trifft. Auf die Erfindung weiterer Begrifflichkeiten sollte verzichtet werden. Bereits übliche Benennungen sind beispielsweise „Miniature-Forests“, „Miniatur- bzw. Miniwälder“ oder „Mikrowälder“. Im Folgenden wird in dieser Veröffentlichung die Bezeichnung „urbane Miniwälder“ verwendet.
Gemäß §2 Bundeswaldgesetz (1) ist Wald jede mit Forstpflanzen bestockte Grundfläche. Tiny-Forests oder urbane Miniwälder könnten in Abhängigkeit der Rechtsprechung als Wald im Sinne des Gesetzes deklariert werden. Damit einhergehende Rechtsfolgen sind zu beachten.
Welche Vorteile und Wohlfahrtswirkungen bieten urbane Miniwälder?
- Hohe pflanzliche Artenvielfalt auf wenig Raum -> höhere Resilienz gegen mögliche Krankheiten und Schädlinge
- Nährstoffkreislauf und Humusbildung, (Neu)Entwicklung von Bodenleben, Wasserinfiltration und -speicherung, CO2-Adsorption und -Speicherung im Boden
- Kleinklimatische Wirkung, Kühlungseffekte, Luftfilterung
- Lärmpuffer für und optische Abgrenzung zu Verkehrstrassen in der Nähe
- Entstehung von Habitaten/ Schutzzonen für Tiere
- Verhältnismäßig kostengünstig in Anlage (und ggf. Pflege), keine Rasenmahd oder ähnliche regelmäßige kostenverursachende Pflegemaßnahmen in den Flächen
- Nur in der Anfangszeit (0,5-3 Jahre) ist eine intensivere Betreuung notwendig, dafür entfällt in der Anfangszeit die Verkehrssicherheitskontrolle
Welche Flächen bieten sich für urbane Miniwälder an?
- Versiegelte innerstädtische Flächen, auf denen „klassische“ Gehölzpflanzungen nicht möglich sind
- Unland-/ Rest-/ Brachflächen zwischen verschiedenen Nutzungen/ Sichtschutz
- Abstandsflächen zu Verkehrstrassen u.a. Lärmquellen („psychologischer“ Lärmpuffer)
- langfristige Vorhalteflächen für Bauprojekte (unter der Voraussetzung, dass die entstehende Vegetation/ Fauna nicht ausgeglichen werden muss, wenn es zu einer späteren Bebauung kommt)
- Ungenutzte/ wenig genutzte Flächen des Straßenraums unter Beachtung der Einhaltung notwendiger Sichtbeziehungen
Was ist bei der Flächenauswahl/Auswahl der Arten zu berücksichtigen?
- Berücksichtigung von Abstandflächen/ Sauberkeitsstreifen zu Verkehrsflächen und anderen Nutzungen
- Verzicht auf die Verwendung invasiver Arten
- Verwendung von Ammenpflanzen (für schnelle Funktion & Schutz für Klimax-Arten)
- Einzäunung (um missbräuchliche Nutzung/Schädigung zu vermeiden, Verhinderung von Laubaustrag [wichtig für den Nährstoffkreislauf, die Humusbildung und das Bodenleben])
- Nutzung des vorhandenen Oberbodens, aber ergänzende organische Mulchschicht, ggf. auch Totholz einfügen
- Eine Wasserquelle (Hydrant/ Zapfstelle) in der Nähe ist vorteilhaft
Notwendige im Vorfeld zu beachtende und zu klärende Punkte sowie Hinweise zur Lösung für mögliche Konflikte:
Idealerweise gibt es für jede Fläche einen Pachtvertrag mit der/ dem jeweilige/n Bürgerinitiative, Verein oder Schule über die zu erledigenden Aufgaben:
- Bewässerung in den ersten Monaten/ Jahren
- Kontrolle der Fläche auf Schäden (Zaun, Bepflanzung, Müll, Vandalismus)
- Baumkontrolle/Verkehrssicherheitskontrolle und entsprechende Maßnahmen
- Pflegemaßnahmen (ganz ohne Pflege geht es im städtischen Verkehrsraum nicht)
- ...
Die Inhalte mit allen Rechten und Pflichten sind rechtssicher zu prüfen. Zu beachten sind auch die jeweiligen kommunalen Baumschutzsatzungen, insbesondere auch im Hinblick auf die zukünftige Entwicklung.
Konkret zu beachtende Themen sind nachfolgend ausführlicher benannt:
Verkehrssicherungspflicht
Der Grundgedanke der innerstädtischen Begrünung ist grundsätzlich positiv zu bewerten. Der klimatische, ökologische, aber auch ökonomische Mehrwert von Grün in der Stadt ist unbestritten. Im Zusammenhang mit Bäumen in der Stadt ist aber von Beginn an immer auch die Verkehrssicherung und die damit einhergehende Verkehrssicherungspflicht zu berücksichtigen. Das spontane und in Teilen von sukzessiven Einflüssen geprägte Wachstumsprinzip der Tiny-Forests und urbanen Miniwäldern steht dieser Verpflichtung allerdings weitestgehend entgegen. So sollen die Gehölzstrukturen grundsätzlich sich selbst überlassen heranwachsen. Über den beschriebenen Verdrängungsprozess entwickelt sich mehr oder weniger unkontrolliert ein „Mini-Wäldchen“ bzw. ein dicht bewachsener Gehölzbestand auf kleinem Raum, welches durch den Verzicht auf Pflege und Erziehung im Jungbaumstadium mitunter (je nach Art und deren Wuchsverhalten) keinen stabilen und verkehrssicheren Grundaufbau erwarten lässt. Zudem ist im innerstädtischen Raum im Vergleich zum Wald sogar eine erhöhte Verkehrssicherung sicherzustellen. Da es das Ziel ist, versiegelte innerstädtische Bereiche, oft im Straßenraum, zu entsiegeln und mit waldähnlichen Beständen zu begrünen, stellt sich nach wenigen Jahren in den für die Verkehrssicherung zuständigen Ämtern und Betrieben die Frage der Verkehrssicherung. Die von Initiativen betriebenen und evtl. längerfristig unterhaltenen Pflanzungen der im Verkehrsraum angesiedelten urbanen Miniwälder stehen somit in einen bis dato „ungeklärten“ Konflikt bei gesetzlich notwendigen, regelhaften Baumkontrollen und der Ausführung entsprechender Pflegemaßnahmen. Da die Verantwortung der Verkehrssicherung von kommunaler Seite nicht auf Initiativen delegiert werden kann und Tiny-Forest und urbane Miniwälder keine Wälder im Sinne der rechtlichen Definition von Wald sind, muss die Verkehrssicherheit durch die auf der Fläche verantwortlichen Ämter und (Eigen-) Betriebe geleistet werden. Es könnte jedoch ein Haftungsausschluss definiert werden, indem die die Flächen betreuenden und pflegenden Initiativen den rechtsicheren Nachweis zur Baumkontrolle vor dem Hintergrund der Verkehrssicherheit erbringen müssen und dass ab dem 5. Standjahr entsprechende und regelmäßige Kontrollen und deren Ergebnisse dem Flächeneigentümer gegenüber rechtsicher nachgewiesen werden.
Einzäunung
Eine weitere nicht unerhebliche Einschränkung ist die Tatsache, dass urbane Miniwälder von Beginn an eingezäunt werden müssen, damit sich die gewünschte Entwicklung einstellen kann. Gerade in der dicht bebauten Stadt ist, abhängig von der Konzeption und der Lage des urbanen Miniwalds im Stadtgebiet, ein potentieller mehrjähriger Flächenentzug für andere Nutzungen und Nutzungsgruppen bereits in der Planungsphase zu bewerten und abzuwägen.
Vandalismus und Vermüllung
Da auch eine Einzäunung nicht vor potentiellem Vandalismus schützt, muss dieses Risiko und dessen mögliche Minimierung ebenfalls im Rahmen der Planung der Flächen besprochen werden.
Solange Initiativen in die Bestandentwicklung der Tiny-Forests und urbanen Miniwälder eingebunden sind, wird die Frage der Reinigung und Müllentsorgung eine untergeordnete Rolle spielen. Sollten sich die Initiativen auflösen oder die Miniwäldchen sich perspektivisch zu einer Ansammlung von mittelstarken und starken Bäumen mit kaum noch vorhandenem Unterholz entwickeln, werden diese Flächen in das Reinigungsprogramm der Ämter und (Eigen-)Betriebe übernommen werden müssen.
Ungeziefer (v.a. Ratten)
Dadurch, dass Tiny-Forests gemäß ihren physiognomischen Eigenschaften eingefriedet sein sollen, besteht die Gefahr, dass solche geschützten Areale als Rückzugsgebiete für Tiere fungieren, die innerstädtisch nicht erwünscht sind. Wichtig ist, diese Bereiche sauber zu halten und Tieren keine Nahrungsgrundlage aus Essensresten u.a. Abfällen zu geben.
Angsträume
Städtische Grünräume können als sogenannte Angsträume wahrgenommen werden, die Unsicherheitsgefühle bei den jeweiligen Passanten hervorrufen. Dies gilt es bei urbanen Miniwäldern zu vermeiden. Deshalb sollten sie auf Grund ihrer Größe ausreichend Abstand zu Gehwegen haben und die umliegenden Bereiche ausreichend beleuchtet sein.
Nutzungskonflikte
Auf städtischen Plätzen bestehen zudem umfangreiche Konflikte mit Trassen (Gas, Wasser, Strom, Telekommunikation, Abwasser) im Untergrund. Bereits heute gestalten sich Baumpflanzungen im innerstädtischen Bereich oftmals schwierig und bedürfen zum Teil aufwendiger und kostenintensiver Leitungsumlegungen oder -schutzmaßnahmen. Grundsätzlich gelten für Pflanzungen von Tiny-Forests bzw. urbanen Miniwäldern, auch wenn kleinere Pflanzgrößen verwendet werden, in der Stadt die gleichen Grundvoraussetzungen für die Bodenvorbereitung wie bei der Pflanzung von Straßenbäumen.
Bei älteren urbanen Miniwäldern ist zu erwarten, dass Einzelbäume, die sich im Gesamtgefüge der Kleinanlage durchgesetzt haben, den geltenden Baumschutzsatzungen unterworfen sind.
Beispielprojekte urbaner Miniwälder in Deutschland sowie Österreich:
Alternativen und Adaptionen:
Die Anlage von Gehölzstrukturen in ausgeräumten und landwirtschaftlich geprägten Stadtteilen stellt eine mögliche Alternative dar. Dies könnte z.B. in Form klassischer Feldgehölze/ Feldhecken wegebegleitend oder entlang von Flurstücksgrenzen erfolgen. Dabei wäre es sogar vorstellbar, dass einzelne Flächen streng nach der Miyawaki-Methode angelegt werden. Eine Kooperation zwischen den Grundstückseigentümern, den Landwirten, den städtischen Fachämtern und ggf. wissenschaftlichen Institutionen erscheint dabei sinnvoll. Bei einer Anwendung im Außenbereich von Städten (bzw. der sog. freien Natur) müssen Artenauswahl und Pflanzenherkunft gesondert betrachtet werden. Im innerstädtischen, stark überhitzten Bereich muss von der seitens Miyawaki angedachten strikten Verwendung einheimischer Arten abgewichen werden und die Verwendung klimaangepasster Gehölze berücksichtigt werden.
Eine Möglichkeit in Stadtgebieten wäre die Anlage solcher Gehölzstrukturen in Baulücken und Brachen. Hierbei ist jedoch deutlich zu machen, dass diese als temporär angelegt werden und von den üblichen Regelungen und Auflagen ausgenommen werden müssen. Ebenso müssen der Unterhalt, die Verkehrssicherung und auch die spätere Beräumung finanziell und rechtlich abgesichert und festgeschrieben werden.
Auch auf Schulhöfen ließen sich ggf. Flächen finden und in den Sach-, Schulgarten- und Biologieunterricht integrieren. Vor allem im Rahmen des Schulgartenunterrichts könnten sich die Schülerinnen und Schüler auch um die Pflege der Flächen kümmern.
Auch sind als Adaption der Tiny-Forests bzw. Mikrowälder/ urbanen Miniwälder z.B. Rasterpflanzungen von Bäumen und größeren Solitärgehölzen mit entsprechenden Abständen (oder mit Zwischenpflanzung und Nutzung von kurzlebigen Ammengehölzen) sowie einem auf die Arten und deren Habitus abgestimmten Stockwerkaufbau mit entsprechender Unterpflanzung mit Stauden und Gräsern denkbar, um einen hain-oder lichten waldartigen Charakter zu entwickeln.
Auch sog. Piko- oder Pocket-Parks mit Baum- und Strauchpflanzungen, ergänzt um eine Krautschicht, sind als Alternative denkbar.
Bei all diesen Adaptionen ist der Fokus neben dem Ziel der Abkühlung und anderen Wohlfahrtswirkungen sowie gestalterischen Aspekten auf eine standortgerechte (und nicht ausschließlich programmatische heimische) Artenverwendung mit der Auswahl möglichst robuster und stadtklimatauglicher Pflanzen zu richten, um einen möglichst hohen Erfolg der Maßnahmen zu gewährleisten.
Gerade in den gemäß Klimaanalysen ausgewiesenen urbanen Hitzeinseln sind Begrünungen mit einem Stockwerkaufbau sinnvoll, da sie mehr Lauboberfläche je m² mitbringen und so stärker zu Kühlung beitragen als beispielsweise ein einzelner Baum.
Beispielprojekte von Adaptionen urbaner Miniwälder in Deutschland:
Fazit:
Zusätzliche Gehölzstrukturen und allgemein mehr Grün im urbanen Raum zu schaffen, ist grundsätzlich sinnvoll und in Zeiten zunehmender Versiegelung erstrebenswert. Die Frage der Nachhaltigkeit und Pflegbarkeit stellt sich auch bei den urbanen Miniwäldern. Unter Beachtung der genannten Vorteile könnten allerdings auf genannten möglichen Flächen durchaus Win-Win-Situationen durch die gezielte und gut durchdachte Nutzung und Anpassung der Miyawaki-Methode generiert werden. In innerstädtischen, stark überhitzten Bereichen ist es aus fachlicher Sicht sinnvoll, von der seitens Miyawaki angedachten strikten Verwendung einheimischer Arten, zu Gunsten standortgerechter klimaangepasster und resilienter Gehölze, abzuweichen. Wie zukunftsträchtig urbane Miniwälder wirklich sind, werden vermutlich erst Versuchsergebnisse in 10 oder 20 Jahren zeigen. Interessant wird die Frage der dauerhaften Unterhaltung, wenn ein solcher Gehölzbestand etabliert ist und in die Reife- oder sogar Alterungsphase übergeht.
Urbane Miniwälder, die in Grünanlagen oder Friedhöfen angelegt werden, müssen auf Grund ihrer Lage sowie organisatorischen Zuordnung mittel- bis langfristig, auch nach der Auflösung von Initiativen und Pflegegruppen, in Pflegkonzepte der Ämter und (Eigen-)Betriebe integriert werden.
Quellen:
Primärquellen:
- Deutsches Patent- und Markenamt. (2021). DPMAregister. Deutsches Patent- und Markenamt, Eintrag Tiny-Forest. Verfügbar unter: https://register.dpma.de/DPMAregister/marke/registerIR?AKZ=1605521&CURSOR=0
- [19.03.2023].
- IVN Natuureducatie (Hrsg.) (2019) Handbook Tiny Forest Planting Method. Verfügbar unter: https://www.ivn.nl/app/uploads/sites/231/2023/01/tf_handbook_2019_english_0.pdf
- Myiawaki, Akira (2007) The Healing Power of Forests: The Philosophy Behind Restoring Earth's Balance With Native Trees. Rissho Kosei-kai of the UK.
- TED (22.08.2016). How to grow a forest in your backyard | Shubhendu Sharma (Video). Verfügbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=mjUsobGWhs8&t=82s
- Website Afforest, Verfügbar unter: https://www.afforestt.com/
Sekundärquelle:
- Tiny-Forest nach Vorbild der Miyawaki-Methode am Benaryplatz in Erfurt
- Bachelorarbeit der Studienfachrichtung Landschaftsarchitektur der Fachhochschule Erfurt
- Autor: Matthis Moede
- Bearbeitungsjahr: 2023
Unveröffentlichte Quelle:
- Caspar Möller (Miya e.V.): Mikrowälder/Tiny forests - Die Miyawaki-Methode Deutschland; im Tagungsband der 7. Bdla-Pflanzplaner:innen-Gespräche 2024




