Altbäume als Naturerbe: Warum ihr Schutz jetzt entscheidend ist
In Deutschland stehen wir vor einer stillen, aber weitreichenden Herausforderung: Es gibt immer weniger wirklich alte Bäume. Exemplare, die mehrere Jahrhunderte überdauert haben, sind selten geworden – und Bäume mit einem Alter von über 1.000 Jahren existieren hierzulande vermutlich gar nicht mehr. Diese Entwicklung ist kein Zufall, sondern das Ergebnis gesellschaftlicher Prioritäten und ökologischer Belastungen.
Ein zentraler Faktor ist der steigende Anspruch an Sicherheit im öffentlichen Raum. Alte Bäume werden häufig stark beschnitten oder sogar verstümmelt, um potenzielle Gefahren durch herabfallende Äste zu minimieren. Was als Vorsichtsmaßnahme gedacht ist, hat jedoch oft gravierende Folgen: Die Eingriffe schwächen die Vitalität der Bäume erheblich. In Kombination mit weiteren Stressfaktoren wie Bodenverdichtung, Klimabelastungen und ungünstigen Standortbedingungen beschleunigt dies ihren Alterungsprozess – nicht selten bis hin zum Absterben.
Dabei kommt alten Bäumen eine herausragende Bedeutung zu. Sie sind nicht nur landschaftsprägend, sondern auch unverzichtbare Lebensräume für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Gleichzeitig fungieren sie als lebendige Archive ökologischer Entwicklungen und tragen wesentlich zur biologischen Vielfalt bei. Ihr Verlust ist daher nicht nur ein ästhetischer, sondern vor allem ein ökologischer Einschnitt.
Um diesem Trend entgegenzuwirken, wird die Einführung der Kategorie „Nationalerbe-Baum“ vorgeschlagen. Ziel ist es, 100 besonders geeignete Bäume auszuwählen, die das Potenzial haben, ein außergewöhnlich hohes Alter zu erreichen. Diese sollen durch gezielte Förderung, erhöhte Aufmerksamkeit und eine besonders sensible, fachgerechte Pflege geschützt werden. Im Mittelpunkt steht dabei nicht kurzfristige Gefahrenabwehr, sondern ein langfristig ausgerichtetes Erhaltungskonzept.
Auch aus wissenschaftlicher Sicht sind solche Altbäume von großem Interesse. Sie liefern wertvolle Erkenntnisse in Bereichen wie Baumbiologie, Genetik und Pathologie. Darüber hinaus dienen sie als Referenzobjekte für die Anpassungsfähigkeit von Baumarten über lange Zeiträume hinweg.
Als Kandidaten für diese neue Schutzkategorie kommen vor allem Bäume mit einem Stammumfang von mindestens 400 Zentimetern (gemessen in etwa 1,3 Metern Höhe) infrage. Idealerweise sind sie bereits mehrere Jahrhunderte alt – auch wenn das genaue Alter oft schwer zu bestimmen ist. Entscheidend ist zudem die Zugehörigkeit zu langlebigen Arten, die grundsätzlich ein Alter von über 500 Jahren erreichen können. Dazu zählen unter anderem Eiben, Eichen, Ginkgos, Esskastanien, Linden, Platanen und Riesenmammutbäume. In Gebirgsregionen erweitern Bergahorn, Arve und Europäische Lärche diese Auswahl.
Der Schutz alter Bäume ist letztlich eine Frage der Verantwortung – gegenüber der Natur ebenso wie gegenüber zukünftigen Generationen. Wenn wir wollen, dass auch kommende Generationen diese beeindruckenden Zeugnisse der Naturgeschichte erleben können, müssen wir heute die richtigen Weichen stellen. Inzwischen sind bereits 56 Nationalerbe-Bäume ausgerufen worden.
Um das Ziel der Initiative – den Erhalt, den Schutz und die Pflege der „Nationalerbe-Bäume“ – zu erreichen, bedarf es eines Gremiums, welches die sehr langfristig angelegten Maßnahmen über viele Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte verfolgen kann. Die Deutsche Dendrologische Gesellschaft (DDG) ist ein 1892 gegründeter Verein, dem der „Erhalt, die Pflege und die Verbreitung von Bäumen und Sträuchern ein wichtiges Anliegen ist“.
Aus diesem Grund wurde innerhalb der DDG ein Kuratorium ins Leben gerufen, welches seit dem 05.07.2019 mit 5 Mitgliedern vollständig besetzt ist. Dieses besteht aus folgenden Personen:
- Prof. Dr. Andreas Roloff, Leiter des Kuratoriums und Fachreferent für Parks, Gärten und städtisches Grün im Rat der DDG
- Eike Jablonski, Präsident der DDG
- Katharina Edlinger, Eva Mayr-Stihl Stiftung
- Marion Scheich, Fachreferentin für Naturschutz und Landschaftspflege im Rat der DDG
- Uwe Thomsen, Fachreferent Baumschutz und Baumpflege im Rat der DDG
Zu den Aufgaben des Kuratoriums gehört die Begleitung und Mitgestaltung
- der Auswahl geeigneter Kandidaten,
- der Öffentlichkeitsarbeit,
- der Ausrufungsmodalitäten und des Programms am Tag der Bekanntmachung sowie die Weiterentwicklung der Initiative.

